Da der Bundesverband Musikindustrie dieses Jahr eine Sonderstudie erstellt hat, bei der es um einen Rückblick der letzten 10 Jahre geht, möchte ich auf einige Dinge eingehen. Vorweg noch der Hinweis, dass die Musikindustrie im Gegensatz zu Film- und Spieleindustrie tatsächlich finanziell vom Digitalen Wandel betroffen ist. Im Büchermarkt wird es durch die zunehmende Verbreitung digitaler Lesegeräte vermutlich bald ähnlich aussehen, wenn (in Deutschland) die Verlage es nicht schaffen sich auf die Wünsche der Konsumenten einzustellen, diese sollten sich die Musikindustrie also auch ganz genau anschauen.

Auf Seite 7 (PDF-Zählung) bzw. Seite 14 (Dokumentenzählung) ist ein Diagramm zu den Einnahmen der Musikwirtschaft. Interessant dabei ist, dass ab 2003 bis jetzt nur noch minimale Absenkungen vorhanden sind. Im Text der Studie wird in jeder Analyse ein Vergleich des aktuellen Wertes mit dem all-time-best-Wert durchgeführt. Im Diagramm ist zu erkennen, dass dabei nur die Gelder aus dem Verkauf physischer Medien gesunken sind, die Gelder aus dem Verkauf digitaler Kopien sind gestiegen, genauso wie die Gelder aus dem Leistungsschutzrecht.

Komplett fehlen die Einnahmen durch Konzerte. Wenn man da die Entwicklung etwas verfolgt hat, wird man mitbekommen haben, dass es rasant nach oben ging. Wenn man den Musikmarkt ernsthaft analysieren will, gilt es jedoch insgesamt zu schauen, wie viel Geld geben die Leute von ihrem begrenzten Einkommen für Musik aus. Außerdem wäre wichtig zu betrachten, wie viel kommt im Zeitverlauf jeweils bei den Künstlern an. Diese wichtigen Aspekte wurden in der Studie ausgeklammert. Welchen Stellenwert man den Aussagen dieser Studie dann überhaupt beimessen kann, mag jeder für sich beurteilen.

Was leider nicht ersichtlich wird, in wie weit Umsätze aus alternativen Geschäftsmodellen berücksichtigt wurden, also bspw. Jamendo. Auf Seite 8 (PDF-Zählung) bzw. 15 (Dokumentzählung) wird gesagt, dass man nicht aus Internetradios mitschneiden dürfe, soweit ich weiß sollte das allerdings (noch) legal sein oder nicht?

Aber weiter mit dem Hauptschauplatz. Auf Seite 10 (bzw. 17) wird festgestellt, 19% der illegal erworbenen Musik kommt aus Tauschbörsen und anderen Online-Diensten, sprich 81% aus offline-Quellen (!), soviel zum bösen Internet, wo eine strenge Regulierung zwingend erforderlich sei. Später im Dokument wird ausgeführt, dass sich Smartphones rasant verbreiten, und wie leicht man mit diesen große Mengen Musik tauschen kann. Es wirkt so als hätten diese Studie mehrere Leute zusammengeschrieben und keiner hat das vom anderen gelesen. Sehen wir es positiv, so gibt es wenigstens (noch) keine Forderungen, die Speicherkapazität, Bluetooth/WLAN-fähigkeit oder Musik-Abspielfähigkeit von Smartphones oder (externen) Festplatten gesetzlich zu beschränken.

Seite 12 (23) ist aus Piratensicht etwas erdrückend, wenn das so stimmt. Die Grafik zeigt, dass Leute, die illegale Quellen nutzen durchschnittlich weniger ausgeben. Wobei auch hier nur die Ausgaben für Kopien einbezogen sind, also Merchandise, Konzerte wieder komplett nicht berücksichtigt. Die Frage ist hier, ob ein paar Leute die im Grunde nie Geld für Musik ausgeben, und wenn überhaupt nur kostenlos/illegal was ziehen, ob die das Ganze nicht sehr stark nach unten senken, denn dafür gibt es keine extra Kategorie, die „notorischen“ gar kein Geld Ausgeber (egal welche gesetzliche Regelung es gibt) werden dadurch quasi alle zu den illegalen Downloadern gezählt.

Die Anzahl illegaler Downloader soll laut Studie bei 3,1 Millionen liegen, finde ich etwas wenig, bei Filmen hat z.B. allein kino(x).to laut GVU schon 4 Mio Nutzer. Evtl. ist es bei Musik halt wirklich so, dass durch die 99Cent Preise, doch recht viele sagen, dass das ein „fairer“ Preis ist wo sie gar nichts mehr illegal downloaden, also eine Konkurrenz gegen kostenlos bereits erfolgreich möglich ist. Hier hätte man aber gezielter fragen müssen, um das zu analysieren. Da die Anzahl illegaler Downloader allerdings über 10 Jahre konstant bei den 3Mio blieb, während bei anderen Mediendownloads ein starker Zuwachs vorhanden ist scheint das auf jeden Fall nicht sehr abwegig zu sein.

Interessant ist die Aussage auf Seite 13 (24):

Knapp die Hälfte der Bundesbürger versucht, ihr kriminelles Verhalten mit dem Verweis auf angeblich zu hohe Preise für CDs zu entschuldigen […].

Hier wird mal eben die halbe Bevölkerung als kriminell und als Lügner hingestellt. Vorher wird natürlich noch behauptet, dass Kopieren (Vervielfältigen) gleich Diebstahl ist und das Unrechtsbewusstsein deshalb das selbe sein sollte, wie wenn man eine CD aus dem Regal stielt. Außerdem wird natürlich immer grundlegend davon ausgegangen, dass die Höhe der Einnahmen der Musikindustrie (also hier nur der Plattenlabels) gerechtfertigt sind bzw. eher noch höher sein müssten, selbst in Zeiten, wo die Herstellung einer Kopie nichts mehr kostet, die Inflation steigt und die Reallöhne in Deutschland sinken und immer weniger Menschen überhaupt ein Arbeitseinkommen erzielen. Aber gut, vielleicht dann beim 20 Jahre Jubiläum, wenn wir chinesische Löhne in Deutschland haben und auch der letzte verstanden haben sollte Zahlen wenigstens von der Inflation zu bereinigen.

Anschließend wird es richtig hakelig. Es werden Warnhinweisschilder und Sanktionen mit Beispiel Frankreich (Sperrung des Internetanschlusses) gefordert.  Auf Seite 15 (28) wird auch explizit die Vorratsdatenspeicherung und die Hilfssheriff-Funktion der Serviceprovider gefordert, schließlich verdienen diese ja am illegalen Traffic (in Zeiten wo fast jeder eine Flatrate hat ;-)). Wir holen uns an dieser Stelle nochmal den geringen Anteil des Internets von nur 19% ins Gedächtnis und überlegen, ob derjenige der den politischen Forderungsteil der Studie geschrieben hat, wirklich auch den Rest dieser gelesen oder gar die Gesamtsituation verstanden hat.

Unser Parteiprogramm wird in dieser „seriösen objektiven“ Studie auch noch zitiert und kritisiert S.14 (27).

Eine spezielle Forderung kann ich allerdings auch unterzeichnen, es soll ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen werden (bzw. vorhanden sein) Leistung zu honorieren. Und hier bin ich wirklich vollkommen einverstanden, denn das ist tatsächlich die Grundvoraussetzung, dass man (auch in Zukunft) mit einem kopierbaren Gut in einer Welt voller Kopiergeräte durch den Verkauf der Kopie Geld verdienen kann. Die restlichen Forderungen hingegen sind wirkungslos und extreme Freiheitseingriffe.

Also bitte liebe Konsumenten gebt den Musiker (weiterhin) ihr verdientes Geld, am besten denen, die ihre Songs unter einer Creative Commons Lizenz selbst vermarkten, und bitte werft es nicht Leuten in den Hals, die sich immer neue und drastischere Forderungen einfallen lassen das Internet zu beschneiden und auch noch denken sie allein wären der Musikmarkt und sie allein hätten das Recht zu bestimmen, was moralisch richtig oder falsch ist und wem wie viel Geld zusteht.

Viele Grüße
René

Advertisements