Gestern legten 2 Mitarbeiter der SG Presse ihre Arbeit nieder ([1][2]). Grund dafür war das Abstimmungsergebnis über die Offenheit der Mailingliste. Als Protestform ist der Rücktritt jedoch die schlechteste aller möglichen Alternativen, da man gerade so der Sache in die Hände spielt, welche man gern ändern würde, insbesondere wenn für die gegenteilige Position bereits Mehrheiten im „relevanten“ Kreis existieren. Besser wäre es das Thema immer wieder bei jeder Gelegenheit, in der etwas vermutlich aus diesem Problem heraus schlecht lief, auf das Tablett zu holen und solange begründete Nadelstiche zu setzen bis sich etwas ändert oder man in der Diskussion vielleicht auch selbst vom Gegenteil überzeugt wird.

Warum sollte Pressearbeit nicht öffentlich sein?

1. Verlust der Arbeitsfähigkeit

Ein valider Grund für die nicht-Öffentlichkeit einer Arbeitsliste ist, dass diese so zu einer reinen Diskussionsliste werden könnte und somit eine Arbeit kaum noch möglich wäre bzw. dann irgendwann notgedrungen auf andere Medien ausweicht. Ähnliche Probleme sind bereits auf Mailinglisten diverser Arbeitsgemeinschaften (seit dem Berlinhype) erkennbar, die Situation in diesen werde ich bei Gelegenheit in einem eigenen Artikel darstellen, da sie sich auch in einigen Dingen unterscheidet. Prinzipiell führt ein entsprechend hohes Mailaufkommen dazu nicht mehr alles zu lesen, den Überblick zu verlieren und (mehr) Fehler zu machen. Dieses Problem sollte man nicht leichtfertig von der Hand weisen.

2. politische Konkurrenten einen Informationsvorteil verschaffen

Ein zweites Argument ist die Auffassung es könnten bei einer öffentlichen Arbeitsliste Personen mitlesen, die dadurch bereits während wir etwas erarbeiten, eine Gegendarstellung vorbereiten können. Wir würden somit unseren politischen Konkurrenten einen Informationsvorteil verschaffen, der uns schadet. Um die Validität dieses Argumentes festzustellen ist es zwingend notwendig realistische Einzelfälle zu betrachten. Nehmen wir bspw. einmal an wir arbeiten an einer Pressemitteilung in der wir einen erneuten Vorstoß Websperren, Vorratsdatenspeicherung oder Internetanschlusssperren (x-Strikes) kritisieren, wie könnte unsere Kritik, die von der zu Grunde liegenden Argumentation ja ähnlich aussehen müsste, wie die Kritiken in unseren Pressemitteilungen zuvor zu diesen Themen, dem politischen Konkurrenten hier wirklich einen effektiven Vorteil an Information verschaffen, der uns tatsächlich auch schaden würde? Sofern die Liste öffentlich für alle (die wollen) ist, sollten ja generell durch das „Viel-Augen-Prinzip“ die gröbsten Bedenken bei einzelnen Formulierungen eliminiert werden, welche gegen unsere Argumentation sprechen könnten. Andererseits ist vermutlich unsere Argumentation einfach nicht gut genug, dies dürfen wir nicht grundlegend ausschließen, wir haben eben auch nicht die Wahrheit für uns gepachtet und müssen lernfähig bleiben und uns und unsere Argumentation weiterentwickeln.

Warum sollte Pressearbeit öffentlich sein?

1. Offenheit schafft Vertrauen

Ich selbst bin eines der Neumitglieder in der SG Presse, habe aber bereits verschiedene Situationen miterlebt, die mich etwas ins Nachdenken brachten. Unter anderem waren es der „Blackout“ zu SOPA/PIPA, die Megaupload-PM und die PM zur Aussage von Frau Leutheusser-Schnarrenberger, welche in ACTA keinerlei Probleme sieht. Allen diesen Fällen ist eines gleich, es wurde unter starkem Zeitdruck etwas zusammengeschustert, was zu Fehlern und auch viel zu undifferenzierten Pressemitteilung führte. Folgen davon waren massive Stuhlgewitter, angstgetriebenes Aussitzen eines aktuellen Kernthemas und sogar die Depublikation einer Pressemitteilung. Wie kann man dies in Zukunft in den Griff bekommen? Einfach nur darüber reden bringt in der Regel nicht viel, es müssen auch strukturelle Änderungen erfolgen. Eine Hoffnung wird dabei auf die Themenbeauftragten gesetzt, die ich zwar für grundlegend sinnvoll halte, jedoch keineswegs als Lösung für das Problem an sich sehe, denn gerade bei der Megaupload PM war mindestens einer der größten Experten der Partei zu diesem Thema beteiligt.
Was jedoch in allen diesen Fällen hätte greifen können, wäre ein größerer Kreis an aktiv beteiligten Personen, also wieder das Viel-Augen-Prinzip nutzen. Somit wäre prinzipiell für jeden nachvollziehbar, wie [xyz] zu Stande kam und man könnte sich lange Blogartikel wie diesen und die damit wieder verschenkte Zeit sparen bzw. für Sinnvolleres nutzen. Wenn anderen klar ist, wie es zu dem jeweiligen Ergebnis gekommen ist, dann kann diese Person zum einen verstehen, dass nur Menschen, die auch nur mit Wasser kochen, am Werk sind und ein blindes draufhauen (und selten bis niemals loben), wie es bei uns leider grundsätzlich üblich ist eher eine kontraproduktive Wirkung entfaltet, da so am Ende Personen einfach frustriert die Arbeit komplett einstellen. Außerdem ermöglicht es Kritiker zu kontern mit einem, warum hast du nicht selbst mit angepackt und es besser gemacht. Die bequeme Rolle des Kritikers würde somit geschwächt und evtl. sogar soweit getrieben, dass sich einige der Oberkritiker vom Dienst (OvD) beteiligen und selbst erfahren, wie es in der Rolle des ständig Kritisierten ist. Langfristig könnte so ein Vertrauen wachsen und sowohl die Pressearbeit an Qualität in der Sache, als auch an Quantität zulegen, um in Medien erwähnt zu werden oder gar Agenda-Setting zu betreiben, was uns seit dem ich dabei bin bisher nur ein einziges mal gelang. Außerdem schreiben derzeit Leute an die Mailingliste und können nicht sehen, wie auf ihre Beiträge reagiert wird, woraus völlig unnötig Misstrauen und Unzufriedenheit erwachsen kann.

Eine mögliche Lösung

Diesen Vorschlag hatte ich bereits zur letzten Sitzung der SG Presse eingebracht. Die Diskussion darüber war vielleicht von mir nicht sonderlich geschickt eingeleitet, vielleicht erscheint der Vorschlag im Lichte der obigen Ausführungen besser oder dient als Ausgangspunkt für alternative Vorschläge. Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass ich es als unerträglich empfinde, wenn jetzt einfach mit einem Schulterzucken weitergemacht wird als wäre nichts gewesen, obwohl wir (vollkommen unnötig) Personen mit äußerst scharfem Verstand, sehr guten Schreibfähigkeiten und dem Willen nicht nur zu reden sondern auch zu arbeiten in einer der wichtigsten Stellen der Partei verlieren!
Der Vorschlag soll zum einen die Arbeitsfähigkeit aufrecht erhalten und zum anderen jedem die Möglichkeit bieten alles nachzuvollziehen und sich auch einzubringen. Ich sehe dafür bisher eine 2-Listen-Lösung als am besten geeignet:

  •  1. ML reine Arbeit (lesen jeder, nur Mitglieder schreiben): (ggf. ML SG Presse) Gepostet werden dürfen Padlinks und Auf- bzw. Hilferufe für PMs.
  •  2. ML Diskussion (jeder kann lesen und schreiben) (ggf. ML EX-AG Presse) Gepostet werden darf alles was zur Diskussion über PMs und potentielle PMs bzw. deren Inhalt oder unsere konkrete Positionierung taugt.

Da die Pressearbeit die gesamte Partei betrifft, sollte auch die gesamte Partei eine sachliche Diskussion über die Ausgestaltung führen. Es sollte jedoch auch berücksichtigt werden, dass diejenigen, welche die Hauptlast in der Pressearbeit tragen in diesen Strukturen wirklich arbeiten können und auch wollen. Als überwiegend Pragmatiker finde ich es generell sinnvoll Experimente einzugehen und ggf. Rückänderungen vorzunehmen als sich im Zweifel von der Angst leiten zu lassen.

meine Cents zu dem Thema
René

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